"Die Schuldfrage lässt sich in den seltensten Fällen wirklich beantworten, und auch in meinem Buch kann man das nicht, letzten Endes."

"Aber man kann die Hintergründe verstehen, und je nachvollziehbarer der Tšter mit diesen Hintergründen bleibt, umso schwerer wird es einem fallen, sich komplett von ihm zu distanzieren und ihn als reines Monster zu sehen. Es war mir wichtig, den Täter auch als Person wahrzunehmen."

Aus einem Interview für Deutschlandradio Kultur
(Sendung vom 10.04.2012, 19.30 Uhr, zum Thema "Schulamokläufe im Roman")






>> INS NICHTS HINEIN <<

Interview für das Bulletin Jugend & Literatur (bjl) im April 2011 anlässlich des Erscheinens des Jugendromans "Nach dem Amok"


bjl: Ihre Kurzprosa wendet sich vor allem an Erwachsene, Ihr erster Roman an Jugendliche. Warum?

MK: Als Erwachsene habe ich meine Texte automatisch an eine erwachsene Leserschaft gerichtet. Als sich dann die Chance ergab, einen Jugendroman zu schreiben, wollte ich diese Herausforderung gern annehmen.

bjl: Welche Schwierigkeit bedeutet das Schreiben eines Jugendromans?

MK: Ein Autor hat eine Verantwortung gegenüber dem Leser, ganz besonders im Bereich Jugendbuch. Er transportiert bestimmte Denkmuster, mit denen er den Leser konfrontiert. Wenn man sich als junger Mensch auf ein Buch einlässt, nimmt man es sehr intensiv auf und wird noch stärker davon beeinflusst als ein Erwachsener. Das Schreiben eines Jugendromans ist daher stellenweise eine Gratwanderung, weil es eine gewisse Behutsamkeit erfordert, ohne dass man heikle Inhalte aussparen darf.

bjl: Wie kamen Sie auf das Thema Folgen eines Amoklaufs?

MK: Mir war schnell klar, dass ich darüber schreiben möchte. Die Berichterstattung in den Medien richtet den Fokus fast ausschließlich auf die Täter. Ich finde es wichtig zu zeigen, dass es auch ein Danach gibt. Mit dem Amokläufer David habe ich mich bewusst gegen den in allen Punkten typischen Amokläufer entschieden, weil hinter einer solchen Tat immer ein individuelles Schicksal steht. Das wollte ich auch in der Figur zum Ausdruck bringen.

bjl: In einer Ihrer Kurzgeschichten heißt es: "Ein Schriftsteller wendet sich immer ins Nichts, wenn er schreibt, er hat keinen Ansprechpartner in seinem unbekannten Leser." Gilt das auch für "Nach dem Amok"?

MK: Das ist die Aussage einer fiktiven Figur, nicht meine. Allerdings möchte man beim Schreiben erreichen, dass die Leser von den Empfindungen getragen werden, die man als Autor erzeugt. Man ist - unabhängig von Thema, Recherche und Zielgruppe - mit seinem Text aber zunächst allein. Das Nichts verschwindet, sobald das Buch eine Resonanz von Lesern erfährt.

bjl: In "Nach dem Amok" gibt es einen überraschend positiven Schluss.

MK: Der gewählte Endpunkt des Romans ist sicherlich ein relativ positiver. Der Schluss jedes Prosatextes ist allerdings immer nur eine Momentaufnahme. Für das, was danach geschehen könnte, gibt es unzählige Möglichkeiten, so wie sich auch innerhalb des Textes diverse Wendungen ergeben. Die Beziehung von Maike und Jannik könnte immer noch an den Folgen des Amoklaufs zerbrechen, oder auch aus ganz anderen Gründen. Die letzten Zeilen des Romans sind ein Punkt am Ende einer Entwicklungsphase. Das Leben geht weiter.





>> SCHREIBEN, WAS SCHWER ZU SAGEN IST <<

Das im Auftrag der Rheinpfalz durchgeführte Interview entstand im Dezember 2007, als Material und Eindrücke für ein Portrait gesammelt wurden. Das Interview wurde per E-Mail geführt, die Fragen stellte Jürgen Bich. Hier einige Auszüge:


Bich: Wie kamen Sie zum Schreiben und in welchem Alter?

Keil: Noch bevor ich schreiben konnte, träumte ich davon, eines Tages ein Buch zu verfassen, das von mindestens 100 Leuten gelesen wird. Diesen Gedanken fand ich ganz großartig, und 100 war für mich damals wohl die größte Zahl, die ich mir noch irgendwie vorstellen konnte. Damals sprach ich meine Stories (vorzugsweise Abenteuer, die ich gemeinsam mit meinen Stofftieren erlebte) noch auf Kassette. In der Grundschule kamen dann die ersten schriftlich fixierten Geschichten, die ich vor der Klasse vortragen durfte. Dann folgte eine sehr lange Schreibpause. Mit 15 versuchte ich mich kurzzeitig an Gedichten, und nach dem Abitur habe ich sporadisch dies und das geschrieben, aber richtig angefangen habe ich erst wieder, als ich 2003 - da war ich 25 Jahre alt - in Hamburg zufällig ein Mitglied einer Autorengruppe kennenlernte. Ich wurde in die Gruppe aufgenommen, und ab diesem Zeitpunkt gab es kein Halten mehr.

Bich: Was war Ihre Motivation bzw. warum meinten Sie, etwas schreiben zu "müssen", sich Ihren Mitmenschen auf diese Art mitteilen bzw. diesen etwas sagen zu "müssen"?

Keil: Die ursprüngliche Motivation war das Gefühl, etwas zu sagen zu haben, das niemand verstehen würde. Ich konnte oder wollte bestimmte Empfindungen nicht direkt äußern und habe das statt dessen in Form von Geschichten getan, einen Code entworfen, eine Verschlüsselung für das, was ich zu sagen hatte. So konnte es gesagt werden, ohne dass ich Angst haben musste, zu deutlich geworden zu sein und mich verwundbar zu machen. Heute ist meine Motivation eine etwas andere. Das Schreiben eines Textes gibt mir die Sicherheit, nichts Wichtiges vergessen zu haben. In einem Gespräch lenken mich viele äußere Eindrücke ab, die ich nicht ausblenden kann, und hinterher fallen mir dann zig Dinge ein, die ich noch hätte sagen wollen. Das kann ich mit einem Text vermeiden, da gibt es nur die Konzentration auf das Eigentliche.

Bich: Ist Ihr schriftstellerisches Wirken bisher eher "brotlose" Kunst, also reines Hobby, oder gibt es auch schon Honorare bzw. mit Geld dotierte Preise?

Keil: Wenn man sich entscheidet, Gedichte und Kurzgeschichten zu schreiben, dann darf man nicht erwarten, davon leben zu können. Diese Gattungen sind im deutschsprachigen Raum nun mal kein Mainstream, der die Massen anzieht. Wenn man Geld verdienen möchte, muss man es mit Romanen versuchen, am besten mit Krimis, historischen Romanen, Fantasy o. ä.. Dann kann man mit etwas Glück vielleicht davon leben. Mir liegt aber die kurze Form viel mehr am Herzen, und wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum ich die Romane, die ich geschrieben habe, immer wieder in die Schublade verbanne und mich einfach nicht zur Überarbeitung entschließen kann. Derzeit ist es so, dass das meiste Geld über Preise und Förderstipendien herein kommt. Aber das ist auch nur ein Zubrot, zum Leben reicht es nicht. Honorare gibt es natürlich auch, aber die fallen im Vergleich zu den Preisen gering aus.

Bich: Zu welchen Themen schreiben Sie bevorzugt bzw. womit befassen Sie sich in Ihren Texten?

Keil: In erster Linie geht es um Zwischenmenschliches, um das Interagieren - und als Resultat daraus um einen Einblick in die Psyche der dargestellten Charaktere, weil keine Interaktion ohne Folgen bleibt. In meinen Prosatexten ist oft zuerst das zu sehen, was aus Menschen geworden ist, wie sie mit bestimmten Situationen umgehen, und im weiteren Verlauf der Geschichte erfährt man, wenn man genau hinsieht, die Gründe dafür. Gedichte hingegen können eine Entwicklung meist nicht aufzeigen, so dass sie quasi Standbilder und Beobachtungssequenzen sind, für die jeder Leser seine persönliche Bedeutung und Umsetzung finden muss.

Bich: Fließen Ihnen Geistesergüsse einfach so zu oder denken Sie sich etwas aus bzw. erarbeiten/recherchieren Sie sich Ihr Material oder beides?

Keil: Aktiv recherchieren muss ich nur selten. Die Art der Texte, die ich schreibe, bringt es mit sich, dass die Recherche nebenbei läuft. Sie geschieht in jeder Minute, in der ich wach bin. Gespräche, in die ich involviert bin oder die ich beobachte, Blicke, Gesten, das Stadtbild, Geräusche von den Nachbarn, all das fließt später vielleicht irgendwann mal in einen Text ein und erschafft Figuren, die aufgrund ihrer Erfahrungen bestimmte Situationen auf bestimmte Weise angehen und nach individuellen Lösungen für ihre Probleme suchen. Meist finden sie, weil sie nun mal so sind, wie sie sind, nicht die optimale Lösung - und ich glaube, das ist es, was die Texte sehr eindringlich werden lässt.

Bich: Wie sehen Sie Ihre schriftstellerische Zukunft, gibt es Wünsche oder gar ehrgeizige Ziele?

Keil: Ehrgeizige Ziele gibt es viele, aber ich bin realistisch. Ich habe mich mit den Gattungen, in denen ich schreibe, für einen Weg entschieden, mit dem man nicht die absolut großen Massen erreichen kann. Auf diesem Weg möchte ich aber durchaus noch weiter kommen.

Bich: Wann gingen Sie nach Hamburg?

Keil: 2002 (unfreiwillig, aufgrund einer beruflichen Abordnung). 2003 bin ich dann sehr freiwillig dort geblieben.

Bich: Hat Ihnen das auch schriftstellerisch etwas gebracht?

Keil: Auf jeden Fall. Hätte ich damals nicht diese Hamburger Autorengruppe kennengelernt, hätte sich das mit dem Schreiben vielleicht ganz anders entwickelt. Und die Großstadt hält natürlich auch mehr Möglichkeiten bereit, was Lesungen betrifft oder ganz allgemein das Knüpfen von Kontakten.

Bich: Schreiben Sie oft/ständig/immer in Ihrer Freizeit oder nur sporadisch bei besonderen "Anfällen"/Inspirationen?

Keil: Ich bekomme in der Regel keine Ideen unter der Dusche oder in der U-Bahn. Die Texte entstehen erst, wenn ich mich hinsetze und Gesehenes oder Erlebtes Revue passieren lasse. Daher kann ich selbst bestimmen, wann ich schreibe und wieviel. Trotzdem schreibe ich in meiner Freizeit recht häufig, weil ich da schon sehr diszipliniert bin und den Anspruch an mich stelle, mich konstant weiterzuentwickeln. Die einzige Voraussetzung zum Schreiben ist für mich ein Computer an einem Ort, an dem ich ungestört bin. Und eine gewisse schreibfreudige Grundstimmung sollte vorhanden sein.




 
 

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